Hauptvortrag von Jom Ijun, von Michel Bollag
Wozu brauchen wir den DialogDialog: Ein Wort, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine Philosophie stand, mit der vor allem der Name Martin Bubers verknüpft war, und die obwohl sie einen gewissen Bekanntheitsgrad für sich verbuchen konnte, insbesondere in liberal- religiös denkenden jüdischen und christlichen Kreisen, doch recht marginal blieb, ist heute in aller Munde. Ob interreligiös, innerreligiös, interkulturell, ob zwischen Wissenschaft und Religion oder interdisziplinarisch, d.h. zwischen verschiedenen Wissenschaften und Forschungszweigen: Alle sprechen vom Dialog und das Internet gibt Auskunft über weltweit oder lokal tätige Organisationen, Dialognetzwerke, die um die Gunst von Regierungen, Stiftungen und Sponsoren ringen, um ihre vielfältigen
erzieherischen, sozialen, künstlerischen und politischen Aktivitäten zu entfalten.
Ja, Auch das ist ein Ergebnis von 9/11: Dialog als Marktangebot auf dem ein erbitterter Konkurrenzkampf verschiedener Anbieter stattfindet.
Die Frage, die sich hier stellt ist, wie wird dieser real stattfindende Dialog in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird?
Die Einen halten ihn angesichts des „clash of civilisations“ für überflüssig, weil nutzlos.
Diese Ansicht beruht auf ein weit verbreitetes Missverständnis, wonach Dialog eine kontroverse Debatte wäre, in der jeder auf seinem Standpunkt beharrt, ja in der vielleicht die „Dialogpartner“ versuchen sich gegenseitig von der Richtigkeit ihres Standpunktes zu überzeugen. In einem solchen Dialog wird der Andere in die eigene Weltsicht integriert, zum selben reduziert. Im Besten Fall können in solchen Scheindialoge andere Standpunkte aus Anstand tolerieret werden (das wäre vielleicht ja auch schon was). Ein solcher Dialog würde ich aber allenfalls als ein Dialog von Schwerhörigen bezeichnen.
Die Anderen halten den Dialog gerade angesichts globaler Konflikte und globaler Bedrohungen für unabdingbar.
Obwohl ich zu denjenigen gehöre, die entschieden diese Meinung verfechten, herrscht auch hier ein verbreitetes Missverständnis, wonach
der Dialog als einen Austausch von Nettigkeiten verstanden wird, eine Art Freizeithobby, wo man sich unter Gleichgesinnten schnell einmal einig ist und das Wir-Gefühl geniesst. Ein Dialog also der Differenzen nicht wahrnimmt und von den Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen und Religionen ausgeht und Harmonie als die Reduzierung des Anderen auf den Selben versteht. Dies entspricht im Grunde genommen einem egozentrischen und vor allem ethnozentrischen Verständnis des Dialogs, das das europäische Denken lange geprägt hat und dessen Beziehungen zu anderen Kulturen bis heute prägt.
Wenn tatsächlich all dies unter Dialog verstanden wird, dann haben dessen Gegner recht: ein solcher Dialog bleibt steril. Er produziert nichts Neues. Jüdisch-rabbinisch gesprochen: Es gibt kein Chidusch.
Viele Gegner des Dialogs, nicht die Militanten, sondern diejenige Mehrheit,
die ihm skeptisch gegenüber stehen, wissen jedoch im Inneren sehr wohl, was echter Dialog ist und verweigert ihn gerade deshalb. Psychologisch betrachtet ist das ein verständlicher Abwehrmechanismus. Denn mit dem Wort Dialog ist echte Begegnung mit einem Anderen gemeint, von dem das Ich angesprochen wird, ja von dem es im Grunde genommen radikal in Frage gestellt wird. Diese Radikalität der In Frage Stellung durch den Anderen, die gemäss Emmanuel Lévinas zu jeder Begegnung mit einem Anderen gehört, weil dieser Andere dem natürlichen Drang des Ego, ihn zu beherrschen eine Grenze setzt, wird in den letzten Jahrzehnten zunehmend als existentielle Bedrohung spürbar. Dieser Andere, ob ethnisch-national mit mir verwandt oder auch nicht, ist in der globalisierten Welt der weltanschaulich, religiös und kulturell Andere, der mir immer häufiger begegnet, real oder virtuell, mit seiner Deutung der Wirklichkeit, seiner Weltanschauung, seine Werte und Normen und der damit mein Weltbild und damit meine Sicherheiten in Frage stellt.
Die Verweigerung des Dialogs erklärt Martin Buber in „Zwiesprache“ treffend mit folgender Beobachtung: Jeder von uns steckt in einem Panzer, dessen Aufgabe ist, die Zeichen abzuwehren. Zeichen geschehen uns unablässig, leben heisst angeredet werden, wir brauchten nur uns zu stellen, nur zu vernehmen. Aber das Wagnis ist uns zu gefährlich, die lautlosen Donner scheinen uns zu bedrohen, und wir vervollkommnen von Geschlecht zu Geschlecht den Schutzapparat.
Somit ist die Verweigerung des Dialogs gar nicht so erstaunlich, ja sie gehört eher zur Normalität, denn der Dialog ist kein Freizeitvergnügen, nein, er engagiert denjenigen der sich ihm stellt existentiell. Wer das Risiko des Dialogs eingeht, muss mit Veränderungen rechnen. Veränderungen von Grenzen, Standpunkten, Ideen, Werthaltungen und Normen. Dies gilt insbesondere angesichts eines Anderen, dessen kulturellen Prägungen sich von den Meinen unterscheiden.
Mit der Angst vor dem Dialog muss daher behutsam und respektvoll umgegangen werden. Dialog ist ein Lernprozess und zuletzt eine Lebenseinstellung, durch die wir befähigt werde, den Anderen in uns zu entdecken, beziehungsweise die vielfachen, teils verborgenen Aspekte unserer eignen Identität und dadurch auch die Anderen ausserhalb von uns zu respektieren. Im Dialog entdecken wir, dass unsere Identitäten unter den Bedingungen der Moderne komplex, aus verschiedenen Elementen zusammengesetzte sind und dass der Andere an der Konstituierung unserer eigenen Identität Teil hat und somit immer schon auch Bestanteil unserer Identität ist. Diese Einsicht und die Einstellung, die daraus folgt müssen gelehrt und gelernt werden, als Teil des Bildungsprozesses, denn Dialogfähigkeit muss und wird konstitutiver Bestandteil von Bildung in globalisierten Gesellschaften sein, wenn diese eine friedliche Zukunft anstreben wollen. Wir haben eigentlich gar keine andere Wahl als den Dialog.
Da höre ich sie aber schon die klassische Reflexfrage aus dem Bauch heraus: „Ist das gut für die Juden?“ Sind wir denn nicht das auserwählte Volk, Am lewadad jischkon „Ein Volk das einsam wohnt und sich nicht zu den Nationen
zählt“, das immer verhasst war und es auch bleiben wird, weil es eine Halacha, -eine Regel- ist, dass Esaw den Jaakow hasst? Gibt es nicht genug Feinde, die auch heute unseren Untergang wollen? Müssen wir angesichts dessen die Überempfindlichkeit, die man uns häufig vorwirft, das was man auch Rabbiner als Festungspsychose bezeichnen kann als Zeichen geistiger Gesundheit sehen?
Und neben dieser physischen Bedrohung, die viele als seinsmässig im Weltgesetz eingeschrieben sehen, gibt es ja auch eine andere, noch viel schlimmere, eine geistige Bedrohung - die Assimilation- gerade weil wir immer mehr fremden Gedankengut ausgesetzt sind und uns ihm öffnen? Ist also nicht gerade der Dialog unser Untergang, der Verlust unserer Eigenart? Haben denn nicht diejenigen Recht, die ins Ghetto zurückwollen?
Angesichts unseres kollektiven Schicksals sind solche Ängste real und ernst zu nehmen. Es sind nicht einfach nur Hirngespinste, sondern auch gesunde Anteile unseres Lebenswillens. Dass wir angesichts der Bedrohungen von aussen heute in der Weltöffentlichkeit selbstbewusst unsere Anliegen und unser Lebenswillen bekunden, dass wir uns selbst bestimmen wollen, sei es in Israel oder in der Diaspora ist eine unverzichtbare Errungenschaft der modernen Geschichte des Judentum samt Ihrer Erfolge und bitteren Niederlagen, beinahe bis zum vollkommenen Untergang. Es ist unser unveräusserliches Menschenrecht, das Recht unserer religiös geprägten Kultur in all ihren traditionellen und innovativen Äusserungs- und Interpretationsformenformen, selbst zu gestalten.
Wer aber Gleichberechtigung fordert, sei es als Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft, sei es als ein souveräner Staat in der Staatengemeinschaft und wer sich damit auch am politischen Machtspiel beteiligt, muss aber lernen den Anderen als gleichberechtigten Partner, als Dialogpartner zu begegnen.
Diese an sich einleuchtende Begründung allein würde genügen, um die Notwendigkeit des Dialogs auch mit Feinden, ja gerade mit Feinden zu demonstrieren. Dies bedingt natürlich die Notwendigkeit Einstellungen zu revidieren, die die ganze Welt in schwarz-weiss malt. Auf der einen Seite alle bösen Goyim und auf der Anderen alle guten Juden. Es bedingt die „Entdämonisierung“ des Feindes, die Einsicht, zu lernen, dass nicht jeder Feind bereits Amalek ist, auch wenn es amalekitische Tendenzen unter unseren Feinden gibt.
Ich glaube aber darüber hinaus, dass die Notwendigkeit des Dialogs sich aus einer ganz anderen viel existentielleren Perspektive ergibt, - und hier spreche ich aus einer religiösen Überzeugung heraus in Anlehnung an das, was ich von Lektüren und Begegnungen mit Lehrern, wie Emmanuel Lévinas, Abraham Jehoschua Heschel, David Hartmann, Alon Goshen Gottstein und anderen gelernt habe.
Dabei drehe ich den Spiess einmal um, mit dem uns die Anhänger eines autarken, in sich selbst zurückgezogenen Judentum als eine festgelegte ontologische Grösse permanent Angst einjagen wollen: Gerade weil wir in der offenen, globalisierten Welt, in der Grenzen sich verschieben oder ganz fallen, in der wir anderen Religionen, Kulturen, Lebensauffassungen begegnen und uns dadurch in einer neuen Art des Überlebenskampf befinden, müssen wir im Judentum eine spirituelle Vision neu entdecken, die uns und unsere Jugend begeistern kann, die unseren Durst nach Sinn intellektuell und emotional stillen kann.
Eine Religiosität die vollkommen autark ist, deren Bedeutung heute fast ausschliesslich auf deren historischen und nationalen Dimension reduziert wird, vermag den Durst unserer Generation nach Sinn und Spiritualität nicht zu stillen.
Eine Religiosität, die die Sorgen und Nöte der Anderen, die Sorgen und Nöte unserer Erde nicht teilt und -so schreibt Raw Kook- alles was ausserhalb Israels nur als unrein und böse betrachte, eine Religiosität also, die fundamentale Aspekte der eigenen Spiritualität in Folge der historischen Umständen verloren hat, wird nie den Psalmvers aus dem Hallel verstehen, in dem die messianische Vision des Judentums zum Ausdruck kommt: „Hallelu et haschem kol Goyim, schabechuhu kol haumim“ Es mögen loben den Ewigen alle Nationen, Ihn preisen alle Völker.
Wir werden den Kampf um Jiddischkeit, um unsere Einmaligkeit also nicht gewinnen, wenn es uns nicht gelingt, die universelle Bedeutung unserer Tradition, ihre Tragweite und ihren Sinn überzeugend der nächsten Generation zu vermitteln. Zur Wiederfindung dieser Dimension leistet die echte Begegnung, der Dialog mit Anderen, andersgläubige. anders als wir Gläubige und nicht Gläubige einen unerlässlich Beitrag.
Einführungsvortrag von Michel Bollag
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